Montag, 09.09.2019

Un año después- ein Jahr später

Mehr als ein Jahr ist es mittlerweile her, dass ich mit meinen zwei schweren, mit Geschenken und Lebensmitteln gefüllten Koffern in den Händen und Tränen in den Augen in Frankfurt aus dem Flugzeug stieg. An meine ersten Stunden zurück in Deutschland erinnere ich mich jedoch noch genau. Das erste, was ich dachte war: Was sind hier alle so groß. Den durchschnittlich deutlich kleineren Südamerikanern war ich größentechnisch überlegen und ich hatte mir mittlerweile zufrieden eingeredet, dies läge an einem überraschenden und sehr starken Wachstumsschub. Dem war leider nicht so. Neben den deutschen Touristen und den gestresst an mir vorbeihetzenden Beamten war ich wieder genauso klein, wie ein Jahr zuvor. Als nächstes fiel mir auf, wie sauber und ordentlich alles war. Nicht nur der Flughafen, auch die Autobahn und meine Stadt wirkten unnatürlich steril und leblos. Wo waren die vielen Graffitis, Müllberge und Schutthaufen? Wieso streunte nirgendwo ein einsamer Straßenköter herum? Wieso fragte mich niemand nach Geld? Wo waren die kleinen Cafés und Kioske, um die sich die Menschen scharen, einen Kaffee einnehmen und dabei plaudern und so laut lachen, dass es bis zur nächsten Straße klingt? Und wieso tönte aus keinem Fenster der Klang eines Bachatas, Salsas oder einzelne Akkorde einer Gitarre?

Wir wurden gewarnt, dass wenn man nach einem Jahr zurück nach Hause kehrt, einem schnell alles zu viel wird. Bei mir war es das Gegenteil. Da war zu wenig. Auf einige Dinge freute ich mich sehr. Dabei meine ich nicht nur meine Freunde, meine Familie, meine Bücher oder mein Lieblingsessen. Auch auf Dinge die ich mit Deutschland verbinde. Darauf, sich auf Termine verlassen zu können. Auf den sehr viel ehrlicheren Umgang miteinander. In Kolumbien ist es weit verbreitet, Menschen die man nicht mag übertrieben freundlich zu behandeln. Da ist es mir ein distanziertes aber respektvolles Verhalten sehr viel lieber. Auf weniger oberflächliche Gespräche. Den wenigsten Menschen mit denen ich mich in meinem Austausch unterhielt, war der Klimawandel nicht wirklich ein Begriff. Kaum jemand in meinem Alter interessierte sich dafür, was auf der Welt geschieht. Diese Dinge weiß ich seit meinem Austausch sehr viel mehr zu schätzen. Aber dennoch fehlte mir etwas Entscheidendes, was der Grund ist, warum ich Kolumbien so sehr liebe und meine Zeit dort über sehr glücklich war. Die Lebensfreude der Menschen. Das Strahlen in ihren Augen, wenn sie sich mir dir unterhalten, der ständige Wunsch zu tanzen, der Drang zu lachen und die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Wieso ist das so? Wieso sind wir hier in Deutschland so viel weniger gelassen und zufrieden, obwohl wir doch mehr als alles Notwendige dafür haben?

Ich für mich versuche dieses Lebensgefühl, welches ich in Kolumbien kennengelernt habe, in mir aufrecht zu erhalten. Manchmal gelingt mir das sehr gut, dann wieder weniger. Was ich auf jeden Fall sagen kann ist, dass das wirklich wichtige, was ich in meinem Austausch gelernt habe nicht Spanisch war, sondern Dankbarkeit und sehr viel über Menschen und Möglichkeiten, sein Leben zu leben.

Diesen letzten Eintrag hatte ich gar nicht mehr vor zu schreiben. Ich habe den Blog ganz vergessen und zugegeben auch sehr lange nicht mehr an meine Zeit in Kolumbien gedacht. Nachdem ich aber vor einem Monat nach dem fehlenden letzten Eintrag gefragt wurde, nahm ich mir Zeit, meinen Blog ganz in Ruhe noch einmal anzuschauen. Wenn ich die Bilder sehe und die Texte lese, fühlt es sich so an, als läge das alles lange Zeit zurück, weil in dem folgenden Jahr wieder so viele Dinge geschehen sind. Als ich mich an alles zurückerinnerte, hatte ich aber ein Lächeln im Gesicht. Danach habe ich meine Mamá angerufen. Meine Familie hat mittlerweile ein Kälbchen nach mir genannt. Wenn ich sie besuchen komme, fahren wir in die Berge und besuchen die kleine Frieda.

Samstag, 30.06.2018

Letzte Momente

Seit drei Wochen habe ich schon Ferien und so sehr viel Freizeit. Vormittags besuche ich "la Fundation IE." Das ist ein Hilfswerk, in das Kinder aus extremer Armut kommen können, und hier gefördert werden. Diesen Kindern, die zwischen sechs und acht Jahre alt sind, gebe ich Englischunterricht. Wir lernen einfache Dinge, wie die Zahlen oder Tiere. Da alle sehr aufmerksam und interessiert sind, macht es mir viel Spaß. Die Fundation möchte sich gerne erweitern, damit sie noch mehr Kindern helfen können. Deshalb haben sie mich gebeten, nach Spenden zu fragen. Für diejenigen, die interessiert sind, hier ist die Kontoverbindung: Bancolombia cta86987664926 und die Website:http://iefundacion.orgViele der Kinder leben in Pflegefamilien. Ihre Eltern sind zum Teil im Gefängnis oder verdienen ihr Geld mit Drogenhandel oder Prostitution. Das Geld wird für ein größeres Gebäude, Kleidung und mehr Lehrer investiert.

 Medellín  Ibagué

Vor einer Woche bin ich noch ein zweites Mal nach Medellín gefahren. Diesmal mit einer Reiseorganisation. Die große Stadt an nur einem Tag zu erkunden war sehr anstrengend, aber ich konnte noch neue Orte kennenlernen und traf auch eine Gruppe deutscher Touristen.

Meine Fußball Mannschaft Deportes Tolima spielte im Halbfinale der Liga Aquila, der kolumbianischen Bundesliga. Nachdem wir drei Stunden Schlange standen, bekamen auch wir Tickets und konnten das Spiel aus dem Stadion sehen. Die Stimmung war sehr gut. Als eine Woche später unsere Mannschaft im Finale gewann, verwandelte sich Ibagué in eine Stadt von Verrückten. Alle Menschen verließen ihre Häuser, fuhren mit Autos und Motorrädern herum, hupten, warfen mit Mehl und machten Feuerwerke. In derselben Woche wurde auch Kolumbiens neuer Präsident gewählt. Für mich war keiner der beiden Kandidaten ansprechend und so ging es den meisten jungen Leuten, mit denen ich mich unterhalten habe. Schließlich gewann der konservative Duque, was zu erwarten war. Auch in dieser Nacht fuhren die Anhänger hupend auf die Straße und aus Lautsprechern liefen umgedichtete Reggaton Song mit dem Namen des Präsidenten.

Ansonsten besteht meine Zeit aus „letzten Malen“ und Abschieden. Ein letztes Mal in die UNI fahren, Abschied von meinen Schulfreunden, ein letztes Mal meinen Rotary Club besuchen, ein letztes Mal Empanadas essen, ein letztes Mal meine Familien sehen, ein letztes Mal mit dem Bus ins Zentrum, ein letztes Mal in die Berge fahren… und so geht die Liste ewig weiter. All diese Abschiede sind sehr traurig, aber sie lassen mich auch fühlen, was für ein erfülltes und reiches Jahr ich hinter mir habe und machen mich dankbar dafür. Meine Zeit hier ist so schnell vergangen, und gleichzeitig habe ich so viel erlebt, dass es unglaublich ist, dass es nur ein Jahr war. Ich kann mir kaum vorstellen, in zwei Wochen im Flugzeug nach Deutschland zu sitzen. Es gibt vieles, auf das ich mich Zuhause freue. Meine Familie, meine Freunde, nicht zuletzt das deutsche Essen. Aber trotzdem überwiegt die Traurigkeit, dieses wunderschöne Land, das für mich ein zweites Zuhause geworden ist, nach so langer Zeit zu verlassen. Was ich aber sicher weiß, dass ich mehr als nur einmal nach Kolumbien zurückkehren werde.

Samstag, 30.06.2018

San Juan, San Pedro y el Mundial

Gefeiert wird in Kolumbien das ganze Jahr über gerne und viel. Im Juni aber, findet in Ibagué das größte Fest für alle Tolimensen (mein Bundesland) statt: San Juan und eine Woche später San Pedro. Ähnlich wie beim Karneval gibt es einen großen Umzug. Leute aus verschiedensten Regionen verkleiden sich und tanzen die Folkloretänze. Zwischendurch fährt auch immer wieder eine Königen vorbei, der dann alle „Reina“ zurufen. Die Kolumbianer gehen alle auf die Straße, um sich den Umzug anzuschauen und normalerwiese wird danach in Bars weitergefeiert. Dieses Jahr fand am selben Tag aber auch das Fußballspiel Kolumbien- Polen statt. Es gab keinen Menschen, der kein gelbes Trikko anhatte. Die Weltmeisterschaft von hier mitzukriegen macht sowieso viel Spaß. Niemand arbeitet während eines Fußballspiels und jeder Sieg wird riesig gefeiert. Oft gehen wir zu einer Bar und schauen die Spiele mit Freunden. Das einzig komische ist, dass es bei uns immer noch morgens ist, wenn gespielt wird. Als Deutschland rausflog, bekam ich, wegen meines Trikkos, von vielen Kommentare zu hören, oder wurde getröstet. Jetzt habe ich immer noch Kolumbien zum Anfeuern.

Samstag, 02.06.2018

Abschied in Armenia

Kaffee Kaffeeauto

Jedes Jahr gibt es eine große Versammlung aller Rotary-Clubs in Kolumbien, zu der auch wir Austauschschüler eingeladen werden. Dieses Mal fand das Treffen in Armenia, der größten Kaffeezone des Landes statt. Da meine Mutter an diesem Wochenende ein Arbeitsprojekt an der Pazifikküste hatte, fuhr ich mit meiner ersten Familie im Auto mit. Ich hatte schon fast vergessen, wie gerne ich mit ihnen Reise. Wir machen immer an einer kleinen Holzhütte eine Pause, essen dort Arepa und trinken heiße Schokolade. Mein Papa hält ständig an, wenn am Straßenrand die Bauern Gemüse oder Obst verkaufen, sodass am Ende der Fahrt unser Kofferraum voller Essen ist. Und meine Mutter bekreuzigt sich bei allen aufgestellten María-Figuren, an denen wir vorbeifahren. Es ist ein Wunder, wie die Kolumbianer es geschafft haben, Straßen in diesem Teil des Landes zu bauen. Die Berge hier sind so hoch, dass man durchgehend Slalom fahren muss. Deshalb war uns allen ein wenig übel, als wir bei der Versammlung ankamen. Das schicke Abendessen wäre ziemlich langweilig gewesen, hätte ich hier nicht all die anderen Austauschschüler wiedergetroffen. Diejenigen, die nicht mit auf den Reisen dabei gewesen sind, hatte ich fast ein Jahr nicht mehr gesehen, so gab es viel zu erzählen. Am nächsten Tag nahmen wir nicht an den Besprechungen teilnehmen, sondern hatten unser eigenes Programm. Wir erkundeten den Parque del Café, einem Park umgeben von Kaffeefeldern. Die größte Attraktion hier war eine Show mit Tänzen aus allen Teilen Kolumbiens. Anschließend tranken wir selber einen richtigen, frischen Kaffee. Diesen werde ich bestimmt vermissen. Vor Allem wird der Kaffee hier viel besser zubereitet. Fast niemand trinkt ihn schwarz und oft wird er mit Panela gemischt, eine unbearbeitete Form von Zucker. Nach dem Parkbesuch mussten wir uns alle fertig machen, für die Abschlussnacht unter dem Motto „Tropical“. Schon zu Beginn des Abends herrschte eine komische Stimmung. Uns wollte nicht aus dem Kopf gehen, dass uns in ein paar Stunden der Abschied bevorstand, und diesmal für sehr viel länger, als nur ein paar Monate. Als aber eine Band Musik spielte, tanzten wir. Die spanischen Lieder dieses Jahres konnte jeder von uns mitsingen, und sie werden mich immer an meinen Austausch erinnern. Etwas später schrieben wir uns gegenseitig Texte auf die Flaggen unserer Länder oder in kleine Bücher. Als es schließlich Zeit war, das Fest zu verlassen, gab es eine lange, tränenreiche Verabschiedung. Doch wir haben uns alle versprochen, uns wiederzusehen. Ich bin wirklich froh, dass ich alle diese besonderen Leute kennenlernen durfte und vermisse sie schon jetzt. An diesem Abend habe ich auch das erste Mal wirklich gemerkt, dass ich am Ende meines Jahres angekommen bin. Deshalb werde ich die letzte Zeit noch so sehr genießen, wie ich kann.

Montag, 28.05.2018

La Universidad

Meine Uni Unterwegs mit dem Bus

Seit zwei Monaten besuche ich jetzt bereits Kurse in der CUN, eine der vier Universitäten in meiner Stadt. Das was mir so sehr in der Schule gefehlt hat, habe ich hier endlich gefunden. Die Leute sind sehr viel offener, freundlicher und an mir interessiert. Viele träumen davon, einmal nach Deutschland zu fahren und fragen mich die komischsten Dinge von „Gibt es Bohnen bei euch?“ bis „Lebt der Sohn von Hitler noch?“. Das ist etwas, was ich leider oft beantworten muss. Viele Menschen hier sind sehr schlecht informiert, und ich musste viele Male erklären, dass Deutsche schon lange keine Nazis mehr sind. Ich wusste bereits vorher, dass das Bildungsniveau in Kolumbien deutlich niedriger liegt, als bei uns. Da an meiner Schule aber ziemlich gut unterrichtet wird, ist mir das bis zu meinen Besuchen in der Uni nie richtig klar geworden. Die Fächer, die ich hier belege, sind sehr einfach. In meinen Erstsemesterkursen im Verfassen von Texten, Grammatik und kreativem Schreiben war ich nach ein paar Besuchen eine der Besten, und dass, obwohl Spanisch nicht einmal meine Muttersprache ist. Die Studenten sind unheimlich unorganisiert, niemand macht seine Aufgaben, und an den Prüfungstagen erscheint weniger als die Hälfte. Bei den Professoren sieht es ähnlich aus. Die Meisten von ihnen kommen eine halbe Stunde nach Beginn des Kurses. Trotzdem gehe ich gerne zur CUN. Es gibt immer jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann, und seit kurzen probe ich mit einigen Studenten einen Folkloretanz ein. Zur Uni fahre ich meistens mit dem Bus. Ich liebe das kolumbianische Bussystem. Die Fahrer halten überall an, wo man möchte und wenn man einen Bus rufen will, streckt man einfach die Hand aus. Fährt man mit mehreren, oder hat nicht genug Geld mit, verhandelt man den Preis. Oft ist es überfüllt, da die Busse sowieso viel kleiner sind und einige Fahrer haben sich ihren Bereich persönlich dekoriert, manche mit Jesus Bildern oder Madonnen. Ich war aber auch schon in einem Star Wars-Bus. Auch hier unterhalten sich die Fahrgäste oft mit mir. „Wo kommst du her? Was machst du in Kolumbien?“. Diese Gespräche werde ich nach meinem Austausch bestimmt vermissen.

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