Samstag, 30.06.2018

Letzte Momente

Seit drei Wochen habe ich schon Ferien und so sehr viel Freizeit. Vormittags besuche ich "la Fundation IE." Das ist ein Hilfswerk, in das Kinder aus extremer Armut kommen können, und hier gefördert werden. Diesen Kindern, die zwischen sechs und acht Jahre alt sind, gebe ich Englischunterricht. Wir lernen einfache Dinge, wie die Zahlen oder Tiere. Da alle sehr aufmerksam und interessiert sind, macht es mir viel Spaß. Die Fundation möchte sich gerne erweitern, damit sie noch mehr Kindern helfen können. Deshalb haben sie mich gebeten, nach Spenden zu fragen. Für diejenigen, die interessiert sind, hier ist die Kontoverbindung: Bancolombia cta86987664926 und die Website:http://iefundacion.orgViele der Kinder leben in Pflegefamilien. Ihre Eltern sind zum Teil im Gefängnis oder verdienen ihr Geld mit Drogenhandel oder Prostitution. Das Geld wird für ein größeres Gebäude, Kleidung und mehr Lehrer investiert.

 Medellín  Ibagué

Vor einer Woche bin ich noch ein zweites Mal nach Medellín gefahren. Diesmal mit einer Reiseorganisation. Die große Stadt an nur einem Tag zu erkunden war sehr anstrengend, aber ich konnte noch neue Orte kennenlernen und traf auch eine Gruppe deutscher Touristen.

Meine Fußball Mannschaft Deportes Tolima spielte im Halbfinale der Liga Aquila, der kolumbianischen Bundesliga. Nachdem wir drei Stunden Schlange standen, bekamen auch wir Tickets und konnten das Spiel aus dem Stadion sehen. Die Stimmung war sehr gut. Als eine Woche später unsere Mannschaft im Finale gewann, verwandelte sich Ibagué in eine Stadt von Verrückten. Alle Menschen verließen ihre Häuser, fuhren mit Autos und Motorrädern herum, hupten, warfen mit Mehl und machten Feuerwerke. In derselben Woche wurde auch Kolumbiens neuer Präsident gewählt. Für mich war keiner der beiden Kandidaten ansprechend und so ging es den meisten jungen Leuten, mit denen ich mich unterhalten habe. Schließlich gewann der konservative Duque, was zu erwarten war. Auch in dieser Nacht fuhren die Anhänger hupend auf die Straße und aus Lautsprechern liefen umgedichtete Reggaton Song mit dem Namen des Präsidenten.

Ansonsten besteht meine Zeit aus „letzten Malen“ und Abschieden. Ein letztes Mal in die UNI fahren, Abschied von meinen Schulfreunden, ein letztes Mal meinen Rotary Club besuchen, ein letztes Mal Empanadas essen, ein letztes Mal meine Familien sehen, ein letztes Mal mit dem Bus ins Zentrum, ein letztes Mal in die Berge fahren… und so geht die Liste ewig weiter. All diese Abschiede sind sehr traurig, aber sie lassen mich auch fühlen, was für ein erfülltes und reiches Jahr ich hinter mir habe und machen mich dankbar dafür. Meine Zeit hier ist so schnell vergangen, und gleichzeitig habe ich so viel erlebt, dass es unglaublich ist, dass es nur ein Jahr war. Ich kann mir kaum vorstellen, in zwei Wochen im Flugzeug nach Deutschland zu sitzen. Es gibt vieles, auf das ich mich Zuhause freue. Meine Familie, meine Freunde, nicht zuletzt das deutsche Essen. Aber trotzdem überwiegt die Traurigkeit, dieses wunderschöne Land, das für mich ein zweites Zuhause geworden ist, nach so langer Zeit zu verlassen. Was ich aber sicher weiß, dass ich mehr als nur einmal nach Kolumbien zurückkehren werde.

Samstag, 30.06.2018

San Juan, San Pedro y el Mundial

Gefeiert wird in Kolumbien das ganze Jahr über gerne und viel. Im Juni aber, findet in Ibagué das größte Fest für alle Tolimensen (mein Bundesland) statt: San Juan und eine Woche später San Pedro. Ähnlich wie beim Karneval gibt es einen großen Umzug. Leute aus verschiedensten Regionen verkleiden sich und tanzen die Folkloretänze. Zwischendurch fährt auch immer wieder eine Königen vorbei, der dann alle „Reina“ zurufen. Die Kolumbianer gehen alle auf die Straße, um sich den Umzug anzuschauen und normalerwiese wird danach in Bars weitergefeiert. Dieses Jahr fand am selben Tag aber auch das Fußballspiel Kolumbien- Polen statt. Es gab keinen Menschen, der kein gelbes Trikko anhatte. Die Weltmeisterschaft von hier mitzukriegen macht sowieso viel Spaß. Niemand arbeitet während eines Fußballspiels und jeder Sieg wird riesig gefeiert. Oft gehen wir zu einer Bar und schauen die Spiele mit Freunden. Das einzig komische ist, dass es bei uns immer noch morgens ist, wenn gespielt wird. Als Deutschland rausflog, bekam ich, wegen meines Trikkos, von vielen Kommentare zu hören, oder wurde getröstet. Jetzt habe ich immer noch Kolumbien zum Anfeuern.

Samstag, 02.06.2018

Abschied in Armenia

Kaffee Kaffeeauto

Jedes Jahr gibt es eine große Versammlung aller Rotary-Clubs in Kolumbien, zu der auch wir Austauschschüler eingeladen werden. Dieses Mal fand das Treffen in Armenia, der größten Kaffeezone des Landes statt. Da meine Mutter an diesem Wochenende ein Arbeitsprojekt an der Pazifikküste hatte, fuhr ich mit meiner ersten Familie im Auto mit. Ich hatte schon fast vergessen, wie gerne ich mit ihnen Reise. Wir machen immer an einer kleinen Holzhütte eine Pause, essen dort Arepa und trinken heiße Schokolade. Mein Papa hält ständig an, wenn am Straßenrand die Bauern Gemüse oder Obst verkaufen, sodass am Ende der Fahrt unser Kofferraum voller Essen ist. Und meine Mutter bekreuzigt sich bei allen aufgestellten María-Figuren, an denen wir vorbeifahren. Es ist ein Wunder, wie die Kolumbianer es geschafft haben, Straßen in diesem Teil des Landes zu bauen. Die Berge hier sind so hoch, dass man durchgehend Slalom fahren muss. Deshalb war uns allen ein wenig übel, als wir bei der Versammlung ankamen. Das schicke Abendessen wäre ziemlich langweilig gewesen, hätte ich hier nicht all die anderen Austauschschüler wiedergetroffen. Diejenigen, die nicht mit auf den Reisen dabei gewesen sind, hatte ich fast ein Jahr nicht mehr gesehen, so gab es viel zu erzählen. Am nächsten Tag nahmen wir nicht an den Besprechungen teilnehmen, sondern hatten unser eigenes Programm. Wir erkundeten den Parque del Café, einem Park umgeben von Kaffeefeldern. Die größte Attraktion hier war eine Show mit Tänzen aus allen Teilen Kolumbiens. Anschließend tranken wir selber einen richtigen, frischen Kaffee. Diesen werde ich bestimmt vermissen. Vor Allem wird der Kaffee hier viel besser zubereitet. Fast niemand trinkt ihn schwarz und oft wird er mit Panela gemischt, eine unbearbeitete Form von Zucker. Nach dem Parkbesuch mussten wir uns alle fertig machen, für die Abschlussnacht unter dem Motto „Tropical“. Schon zu Beginn des Abends herrschte eine komische Stimmung. Uns wollte nicht aus dem Kopf gehen, dass uns in ein paar Stunden der Abschied bevorstand, und diesmal für sehr viel länger, als nur ein paar Monate. Als aber eine Band Musik spielte, tanzten wir. Die spanischen Lieder dieses Jahres konnte jeder von uns mitsingen, und sie werden mich immer an meinen Austausch erinnern. Etwas später schrieben wir uns gegenseitig Texte auf die Flaggen unserer Länder oder in kleine Bücher. Als es schließlich Zeit war, das Fest zu verlassen, gab es eine lange, tränenreiche Verabschiedung. Doch wir haben uns alle versprochen, uns wiederzusehen. Ich bin wirklich froh, dass ich alle diese besonderen Leute kennenlernen durfte und vermisse sie schon jetzt. An diesem Abend habe ich auch das erste Mal wirklich gemerkt, dass ich am Ende meines Jahres angekommen bin. Deshalb werde ich die letzte Zeit noch so sehr genießen, wie ich kann.

Montag, 28.05.2018

La Universidad

Meine Uni Unterwegs mit dem Bus

Seit zwei Monaten besuche ich jetzt bereits Kurse in der CUN, eine der vier Universitäten in meiner Stadt. Das was mir so sehr in der Schule gefehlt hat, habe ich hier endlich gefunden. Die Leute sind sehr viel offener, freundlicher und an mir interessiert. Viele träumen davon, einmal nach Deutschland zu fahren und fragen mich die komischsten Dinge von „Gibt es Bohnen bei euch?“ bis „Lebt der Sohn von Hitler noch?“. Das ist etwas, was ich leider oft beantworten muss. Viele Menschen hier sind sehr schlecht informiert, und ich musste viele Male erklären, dass Deutsche schon lange keine Nazis mehr sind. Ich wusste bereits vorher, dass das Bildungsniveau in Kolumbien deutlich niedriger liegt, als bei uns. Da an meiner Schule aber ziemlich gut unterrichtet wird, ist mir das bis zu meinen Besuchen in der Uni nie richtig klar geworden. Die Fächer, die ich hier belege, sind sehr einfach. In meinen Erstsemesterkursen im Verfassen von Texten, Grammatik und kreativem Schreiben war ich nach ein paar Besuchen eine der Besten, und dass, obwohl Spanisch nicht einmal meine Muttersprache ist. Die Studenten sind unheimlich unorganisiert, niemand macht seine Aufgaben, und an den Prüfungstagen erscheint weniger als die Hälfte. Bei den Professoren sieht es ähnlich aus. Die Meisten von ihnen kommen eine halbe Stunde nach Beginn des Kurses. Trotzdem gehe ich gerne zur CUN. Es gibt immer jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann, und seit kurzen probe ich mit einigen Studenten einen Folkloretanz ein. Zur Uni fahre ich meistens mit dem Bus. Ich liebe das kolumbianische Bussystem. Die Fahrer halten überall an, wo man möchte und wenn man einen Bus rufen will, streckt man einfach die Hand aus. Fährt man mit mehreren, oder hat nicht genug Geld mit, verhandelt man den Preis. Oft ist es überfüllt, da die Busse sowieso viel kleiner sind und einige Fahrer haben sich ihren Bereich persönlich dekoriert, manche mit Jesus Bildern oder Madonnen. Ich war aber auch schon in einem Star Wars-Bus. Auch hier unterhalten sich die Fahrgäste oft mit mir. „Wo kommst du her? Was machst du in Kolumbien?“. Diese Gespräche werde ich nach meinem Austausch bestimmt vermissen.

Samstag, 19.05.2018

San Andrés Islas

Die kolumbianische Insel San Andrés wird oft auch klein Jamaica genannt, und es wird von ihr gesagt, dass, wenn man zu zweit herkommt, man zu dritt wieder nach Hause kehrt. San Andrés liegt weit von Kolumbien entfernt, schon auf der Höhe Nicaraguas, und hat nicht nur viele Partys, Dreadlocks und jede Menge Reggae zu bieten, sondern ist auch bekannt für das „Mar de siete colores“, das siebenfarbige Meer. Für uns Austauschschüler war San Andrés unsere letzte große Reise, weshalb wir umso mehr freuten.

Auf der Fahrt vom Flughafen bis zum Hotel war sehr schnell klar: wir waren in einem kleinen Paradies gelandet. Links neben uns lag der weiße Sandstrand voller Palmen und das Meer in hellblauem Wasser. Rechts sahen wir große Strandhäuser mit Verandas auf denen Bob Marley ähnelnde Inselbewohner saßen und sich sonnten. Am Eingang des Hotels wurden wir sofort von einer Gruppe Tänzer und dem Lied „Buffalo Soldier“ empfangen. Auch unsere Herberge sah sehr schön aus und war mit drei Pools ausgestattet, die wir aber gar nicht wirklich nutzten, da wir ja nah am Meer wohnten. Bevor wir aber den Traumstrand genießen konnten, stand am ersten Tag Arbeit auf dem Programm. Gemeinsam mit weiteren Jugendlichen bemalten wir eine alte Schule in bunten Farben. Diese Aktion gehörte zu einem Projekt, durch das auf San Andrés verschiedene Institutionen oder Häuser bemalt werden und die Bewohner danach Unterstützung bekommen. Das ist natürlich eine sehr schöne Idee, bei 35° den ganzen Tag Wände zu bestreichen ist allerdings unglaublich anstrengend. Verschwitzt und sehr müde kamen wir am Abend dieses Tages ins Hotel zurück. Zeit zum Ausruhen gab es nicht. Kurz darauf fand unsere erste Reggae Party, gemeinsam mit den Tänzern des Hotels, statt. 

Unser Hotel   

Mit Badesachen und jeder Menge Sonnencreme fuhren wir am nächsten Morgen zu dem Strand einer weiteren kleinen Insel in der Nähe. Hier konnte ich fünf der sieben Blautöne des Meeres erkennen. Vorher habe ich noch nie so strahlend blaues Wasser gesehen, von türkis bis baby-blau. Auf der Insel gab es erst einmal einen Cocktail in einer Kokosnuss, danach konnten wir fast den ganzen Tag entspannen, auf dem Meer treiben oder einmal um die Insel laufen, was nicht lange dauerte. Obwohl wir uns alle fleißig eincremten, hatte am Ende des Tages jeder einen Sonnenbrand. Das war sehr passend, weil wir daraufhin unsere Fiesta Blanca, eine weitere Party mit weißem Dresscode hatten, und jeder weiß-rot aussah.

Am vorletzten Tag wurden wir morgens von einem Bus abgeholt, mit dem wir eine Tour um die Insel machten, was weniger als zwei Stunden dauerte. Zwischendurch besuchten wir auch ein Piratenmuseum, wobei das, was man in Kolumbien unter Museum versteht, mich bis jetzt meistens enttäuscht hat. Oft handelt es sich um nicht weniger als ein paar Papptafeln und Fotos in einem Raum, und verkleidete Leute, wie in diesem Fall als Piraten. In einem sehr schicken Restaurant aßen wir guten Fisch zu Mittag und hatten danach Zeit zum Shoppen. Die Preise auf der Insel liegen für Kolumbien ungewöhnlich hoch. Die meisten Touristen die hierherkommen, sind Kolumbianer. Das traumhafte Meer zieht aber auch immer wieder einige Amerikaner nach San Andrés. Auch am Abend gab es sehr gutes italienisches Essen, was ich seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen hatte.

Als wir am letzten Tag das Aquarium besuchten, machten wir uns nicht mit einem normalen Boot auf den Weg, sondern mit einem Partyschiff. Die typischen Lieder der Insel kannten wir inzwischen von den vorherigen Tagen und konnten sie schon mitsingen. Im Aquarium gab es nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, ein Paar Fische hinter Fensterglas, sondern es war viel besser. An einer flachen Stelle im Meer, an der viele Fische schwammen, gingen wir schnorcheln. Ich sah viele kleine, gemusterte Fische. Als ich über einen Felsen klettern wollte, zu einer Stelle an der es größere Tiere gab, konnte ich nicht weiter, weil der ganze Boden mit Seeigeln bedeckt war. Wenig später fuhren wir weiter, zu einem anderen Badeort, an dem einige Leuten von kleinen Klippen sprangen. Das Wasser an dieser Stelle war so klar, dass ich ohne Taucherbrille sechsmetertief den Meeresgrund und Pflanzen unter mir sehen konnte. Am nächsten Morgen, als wir zum Flughafen abgeholt wurden, wollte keiner von uns die Insel wieder verlassen. Unser Leben in Kolumbien ist für uns zum Alltag geworden und San Andrés war ein richtiger Urlaub.

 

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